sneak peek at KIMFEST 2018, by Wolf Kampmann

Macht kaputt, was euch kaputt macht! Das KIM Fest bläst zum Sturm auf die musikalische Bequemlichkeit. Niemals war Überforderung schöner!

Genau ein halbes Jahrhundert ist es her, dass in Berlin das Label Free Music Production (FMP) gegründet wurde. Eine Initiative unabhängiger MusikerInnen warf freie Improvisation als gesellschaftlichen Gegenentwurf zum Gleichlauf des Mainstreams in den Diskurs. Improvisation als Protest, als bewusste und konsequente Opposition, als Zäsur in der kulturellen Selbstwahrnehmung. Musik als Korrektiv. Und nicht zuletzt gerade in Deutschland als Anschlag auf die bestehenden Strukturen, wofür MusikerInnen wie Peter Brötzmann und Peter Kowald standen. Veranstaltungen wie das Total Music Meeting zementierten das Postulat des Extremismus. Wie gesagt, 50 Jahre ist es her.

Wenn das KIM Collective heute zum KIM Fest bläst, wirken die äußeren Gegebenheiten ähnlich. Ein Kreis unabhängiger MusikerInnen formiert sich, um Improvisation konzertiert in den gesellschaftlichen Diskurs zu werfen. Die Voraussetzungen sind jedoch denkbar anders. Es geht nicht mehr darum, sich via Improvisation vom Rest der Gemeinschaft abzugrenzen, sondern mit einem weit gefächerten Spektrum der Improv-Möglichkeiten einer im Irrgarten des virtuellen Musikkonsums vom Aussterben bedrohten Kunstform das Überleben zu sichern.

Das Leben ist komplexer geworden, und so die Musik. Es reicht nicht mehr, auf das Bestehende einzuprügeln, sondern es gilt, sich von innen heraus zu assimilieren, ohne den eigenen Standpunkt aufzuweichen. Das Konzept ist riskanter als vor 50 Jahren, aber definitiv nicht weniger radikal. In einer künstlerischen Epoche, in der selbst das „Anything goes“ der Postmoderne schon der Vergangenheit angehört, ist es nicht leicht, sich mit Unerhörtem Gehör zu verschaffen.

Es geht um Haltung, nicht um Stil. Und es geht um Perspektiven, nicht um Orte. Aus Berlin kommen die Band Lederkoralle, die die Ästhetik des Free Jazz mit technoider Linearität verbindet, das fulminant besetzte Nonett Elevenette, das sich in Richtung Minimal Music begibt, das Trio Polypore, das unter neuen Vorzeichen zwischen Kraftwerk, Neu und CAN vermittelt, das Quartett KUU mit seinen No-Wave-Improvisationen, die perkussiven Piano-Drum-Landschaften von Spill mit Improv-Urgestein Tony Buck und Magda Mayas sowie Liz Kosacks apokalyptische Klangtraumata mit Spoiler. Das Robert Landfermann Quintett repräsentiert die bewährte Achse Berlin-Köln. Die skandinavische Band Electric Daisy weidet sich im hypnotischem elektroakustischem Kammerjazz, die Französin Eve Risser lotet das vierdimensionale Potential des Klaviers aus. Die multimediale Performance von Loopmotor, Beatdenker und Kaspar Müller vom Dresdner Subwater Beats Collective rundet das KIM Fest ab.

Kein Projekt ähnelt dem anderen. Gemeinsam sind allen der scharfe Fokus und die Kompromisslosigkeit der Umsetzung. Die Tradition der Improvisation im Rückspiegel, bricht das KIM Fest zu neuen Horizonten auf. Eine Verzahnung von Improvisation mit allen nur denkbaren und auch undenkbaren Ausdrucksformen, Hörbedürfnissen und vielleicht auch Genres im Dienste einer zukunftsweisenden Metamusik, in der es nichts gibt, was es nicht gibt. Am Anfang ist ein Klang. In 50 Jahren hören wir uns wieder.

Wolf Kampmann

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s